„Wir müssen sie spüren lassen: Du gehörst dazu“

Demokratie und Haltung – engagierte Diskussion in der Elisabethkirche

Eva Bender eröffnete das Gespräch zum Thema "Haltung zeigen" mit einem Impuls. Foto: Andrea Hesse
Eva Bender eröffnete das Gespräch zum Thema "Haltung zeigen" mit einem Impuls. Foto: Andrea Hesse

„Oft beginnen politische Krisen leise – mit Worten, die Gruppen von Menschen ausschließen.“ Diese mahnenden Worte richtete Eva Bender, seit dem 1. November Präsidentin der Region Hannover, am Vorabend des Reformationstages an ihre Zuhörer*innen in der Elisabethkirche in Langenhagen. Superintendent Dirk Jonas und ein kleines Organisations-Team konnten hier mehr als 130 Besucher*innen zu der Kirchenkreisveranstaltung „Kirche trifft Demokratie. Haltung zeigen!“ begrüßen; einzelne unter ihnen hatten eine längere Anfahrt in Kauf genommen.

Als Beispiel für Worte, die ausschließen, erinnerte Eva Bender an die von Bundeskanzler Friedrich Merz im Zusammenhang mit Migrationsfragen gemachte Aussage, es gebe Probleme mit dem Stadtbild. „Wie konnte es zu dieser Aussage kommen?“, fragte Bender als Impulsgeberin in den Raum. Sie verwies dazu auf eine aktuelle Studie, nach der 82 Prozent der Menschen in Deutschland die Demokratie für die beste Staatsform halten – nicht gut sei jedoch die Performance. Gestützt wurde diese Aussage durch ein Statement aus dem Publikum im weiteren Verlauf des Abends: „Es gibt keine Politikverdrossenheit, es gibt eine Politikerverdrossenheit.“

Mit Blick auf die Zukunft lobte Bender die klare Positionierung der Kirchen gegen politische Angriffe auf die Menschenwürde: „Es gibt kein Neutralitätsgebot für die Kirche.“ Auch und vielleicht gerade vor dem Hintergrund, dass die Kirche nicht immer auf der richtigen Seite gestanden habe, habe sie den Auftrag, sich klar zu positionieren, wenn ihre Werte infrage gestellt würden. „Menschen überzeugt man nicht, indem man sie beschämt“, so Bender. „Wir müssen sie spüren lassen: Du gehörst dazu!“ Hierzu könne Kirche viel beitragen – mit offenen Türen und der Bereitschaft, wirklich zuzuhören und zu verbinden.

„In der Bewegung liegt die Kraft“

Carlos Martinez bezauberte sein Publikum unter anderem mit der Schöpfung der Erde durch Gott. Foto: Andrea Hesse
Carlos Martinez bezauberte sein Publikum unter anderem mit der Schöpfung der Erde durch Gott. Foto: Andrea Hesse

Abschließend hob die Impulsgeberin hervor, dass Demokratie die Möglichkeit biete, Fehler zu machen und sie zu korrigieren – dazu brauche es jedoch Menschen, die mitmachen. „In der Bewegung liegt die Kraft“, zitierte Bender eine Textzeile der Band Fanta 4. Auch hier gab es im weiteren Verlauf Zustimmung aus dem Publikum: Der Zusammenschluss, etwa in der Offenen Gesellschaft Langenhagen, stärke die Beteiligten und ermutige sie, für Demokratie und Menschenwürde aktiv zu werden.

Eingerahmt wurden der Auftaktimpuls und das anschließende Podiumsgespräch von kurzen Sets des international bekannten spanischen Pantomimen Carlos Martinez: Mit sorgfältig ausgewählten Stücken übersetzte er die Forderung nach Haltung ins Körperliche und bezauberte sein Publikum unter anderem mit einem liebevollen Blick auf die Schöpfung der Erde durch Gott.

Rahmen für eine konstruktive Konfliktkultur

Einig in der Forderung nach einer klaren Haltung (von links): Niklas Kleinwächter, Marlene Rosenbohm, Bastian König und Theodor Adam. Foto: Andrea Hesse
Einig in der Forderung nach einer klaren Haltung (von links): Niklas Kleinwächter, Marlene Rosenbohm, Bastian König und Theodor Adam. Foto: Andrea Hesse

Auf dem Podium ging Moderator Niklas Kleinwächter, Journalist und Vorsitzender der Landespressekonferenz, mit sehr unterschiedlichen Menschen ins Gespräch: Marlene Rosenbohm, Politikstudentin und früheres Mitglied des Langenhagener Jugendparlaments und der Evangelischen Jugend, Bastian König, Studienleiter der Evangelischen Akademie Loccum und Gemeindepastor in Mellendorf, und Theodor Adam, Pastor und landeskirchlicher Beauftragter für Queersensible Seelsorge und Beratung. Alle drei waren sich einig darin, dass jede Christin und jeder Christ aufgerufen seien, deutlich zu widersprechen, wenn Menschen ausgegrenzt werden: „Kirche kann einen guten Rahmen bieten für eine konstruktive Konfliktkultur“, erklärte Marlene Rosenbohm. Gleichzeitig betonte sie, dass Kirche daneben auch Räume brauche, die von diesen Konflikten frei blieben – wenn jeder kirchliche Raum politisch wäre, würde es sehr anstrengend. „Kirche kann beides“, ist Rosenbohm überzeugt.

„Ich kann mir kein Christsein vorstellen, das nicht implizit politisch ist“, erklärte Theodor Adam. Das christliche Bekenntnis mache einen Unterschied, und der Blick auf das Unverfügbare, das reine Mensch-Sein, sei hilfreich, um eine klare Haltung zu entwickeln oder zu bewahren. „Zu wissen, wo man steht, ist das Elementare“, zitierte Adam einen Satz, der für den Theologen und Widerstandskämpfer Dietrich Bonhoeffer das Fundament seines Handelns bildete. „Wir sind mitverantwortlich für die Stimmung im Quartier“, mahnte Adam daraus folgend an.

Als gesellschaftlicher Player müsse Kirche noch stärker als bislang mit klarer Haltung in Erscheinung treten, forderte Bastian König. Er sprach sich dafür aus, das Kreuz für eine rechtsextreme Partei auf dem Wahlzettel ernst zu nehmen und auch Trigger-Themen wie die Klimakrise oder das Gendern in protestantischer Freiheit zu diskutieren. Dafür sollten kirchliche Räume angeboten werden – im übertragenen wie auch im Wortsinn. Dies sei eine ganz einfache und gleichzeitig wertvolle Unterstützung, die seine Kirchengemeinde beispielsweise für das Bündnis für Vielfalt und lebendige Demokratie in der Wedemark leisten könne.

"Kirche vor Ort ist das, was zählt"

Niklas Kleinwächter formulierte die Forderung, einander mit aufrichtigem Interesse zuzuhören und in schwierigen Debatten keine einfachen Antworten zu erwarten. Auf seine Frage, ob die Kirche sich in einer politisierten Gesellschaft zu den großen Fragen positionieren müsse, hatte Marlene Rosenbohm eine persönliche Antwort: „Ich denke gar nicht so groß. Kirche vor Ort ist das, was zählt, und für mich hat das tägliche Gespräch eine große Bedeutung.“

Vier lokale Initiativen trugen dieser Anforderung Rechnung: Die „Omas gegen rechts“ aus Burgwedel, der Verein „Politik zum Anfassen“ aus Isernhagen, die „Offene Gesellschaft Langenhagen“ und das „Bündnis für Vielfalt und lebendige Demokratie“ aus der Wedemark informierten die Besucher*innen über ihre Aktivitäten in der Region.