Ein Fest des Glaubens und der Demokratie
Stephan Schaede: „Reformation hat Bildungsgerechtigkeit ermöglicht“
Der Vizepräsident des Kirchenamtes der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), Stephan Schaede, sieht im Erbe der Reformation einen Auftrag zur Überwindung sozialer Ungleichheit. Dafür sei „Bildung die beste Sozialinvestition, die wir tun können“, betonte der Theologe jetzt in Hannover mit Blick auf den Reformationstag am 31. Oktober. Ohne den Impuls der Reformatoren, dass allen Menschen unabhängig von ihrer Herkunft gleiche Würde zukomme, würde in Deutschland heute womöglich ein deutlich elitäreres Schul- und Bildungssystem herrschen.
Bildung zahle positiv auf die soziale und ökonomische Lage ein, unterstrich der Theologe. Ziel müsse es sein, Menschen zur Selbstwirksamkeit zu befähigen, statt sie von staatlichen Hilfen abhängig zu machen. Nach reformatorischem Verständnis diene Wissen dem Leben erst dann, wenn es sich lebenspraktisch im Alltag bewähre.
Dieser Anspruch erfordere heute, die Demokratie über alle Generationen hinweg zu stärken. Als „späte Frucht der Reformation“ bezeichnete Schaede das Ziel, kirchliches Leben von seinem sozialen Umfeld her zu entwickeln. Gemeinden entfalteten geistliche Energie nicht durch Rückzug, sondern indem sie sich im Alltag der Menschen verankerten.
Überlegungen von Politik und Wirtschaftsverbänden, Feiertage wie den Reformationstag aus wirtschaftlichen Gründen abzuschaffen, wies Schaede zurück. Die These, ein Feiertag wirke ökonomisch zerstörerisch, treffe nicht zu, wie Bundesländer mit vielen freien Tagen bei gleichzeitig hoher Wirtschaftskraft zeigten. „Wir sollten den 31. Oktober als fröhliches Fest des Glaubens und der Demokratie feiern“, forderte Schaede. Kirchengemeinden sollten sich am Feiertag nicht hinter Mauern zurückziehen, sondern gezielt in ihre Nachbarschaften und Quartiere ausschwärmen.
Angesichts sinkender Mitgliederzahlen und knapperer Kassen warnte der Vizepräsident zugleich vor Resignation in der evangelischen Kirche. „Wir dürfen uns nicht wie ein Abwicklungsbetrieb verhalten, der alles nur immer weiter verkleinert“, mahnt der Theologe. Bei allen unumgänglichen Einsparungen und Strukturveränderungen dürfe der Blick nicht an den Verlusten haften bleiben. Vielmehr komme es darauf an, trotz des Wandels „mutig und unternehmerisch“ neue Initiativen zu wagen.
Quelle: epd Niedersachsen-Bremen