Es begab sich aber zu der Zeit …
„Es begab sich aber zu der Zeit …“ Berühmte erste Worte. Sie werden wieder zu hören sein am Heiligabend. In allen Kirchen. In Krankenhauskapellen, Gefängnisgottesdiensten und Wohnzimmern. Berühmte erste Worte aus der Weihnachtsgeschichte nach der Überlieferung im Lukas-Evangelium, Kapitel 2.
Es begab sich … Erinnerung aus ferner Zeit und fernem Land. Manchem sind die guten Erinnerungen an das Weihnachten der eigenen Kindheit als älter gewordener Mensch mindestens genau so fern wie das Ursprungsweihnachten. Andere haben so schreckliche Erinnerungen an ihr Kindsein und damit an das Fest, dass für sie Weihnachten bis heute unerträglich ist. Weihnachtsidylle? Heile Welt? Fehlanzeige!
Weihnachten ist seinem Ursprung nach auch alles andere als heile Welt. Lukas erzählt von einer minderjährigen Schwangeren, von einem Kuckuckskind und seinem sozialen Vater Josef, der zum Glück nicht das Weite sucht. Undurchsichtige politische Verhältnisse begleiten die Erfahrung der Ohnmacht auf der Flucht, schon bald nach der Geburt eines Kindes in einer ansonsten ganz normalen kleinen Familie im Weltgetriebe.
Mit solchen prekären menschlichen Beziehungsgeschichten beschreibt (nicht nur) die Weihnachtsgeschichte in der Bibel die Beziehung zwischen Gott und Mensch. Nicht unsere intakten Beziehungen erzählen in erster Linie etwas von der Nähe Gottes, sondern die gebrochenen. Die nicht dem bürgerlichen Mainstream entsprechen.
Darum geht’s an Weihnachten: Gott bestimmt seine Beziehung zu uns Menschen neu. Unkonventionell. In Windeln gewickelt.
Könnte Weihnachten darum nicht auch das Fest sein, an dem du deine Beziehung zu anderen Menschen neu bestimmst? Nein, die intakten Beziehungen haben das nicht nötig. Aber was ist mit der dickköpfigen Nachbarin? Dem Obdachlosen am Hauptbahnhof in Hannover? Der politischen Gegnerin? Was ist mit den jungen Männern in der Flüchtlingsunterkunft?
In unseren menschlichen Beziehungsgeschichten wird das Weihnachtswunder Realität – oder es wird gar nicht. In unseren Geschichten vom Verlieren, von Ausgrenzung und Rosenkrieg, aber auch in den kleinen Geschichten vom Suchen und Finden, von neuer Freundschaft, von Wahrnehmen und Anerkennung.
„Frieden gabst du schon, Frieden muss noch werden“ – das ist Weihnachten. Die Verheißung von Menschlichkeit und Gottesnähe. Von Frieden, der im Unfrieden zur Welt kommt. Mehr ist Weihnachten nicht? Nein, weniger nicht.
Superintendent Dirk Jonas
